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Umr Ryad I Geld und Reichtum. Eine islamische Perspektive.

 
 
Der Islam wird oft als Hindernis für die Wirtschaft angesehen, weil die Volkswirtschaften der meisten muslimischen Staaten unterentwickelt sind. Die islamistischen politischen Bewegungen werden für gewöhnlich negativ als wirtschaftsfeindlich wahrgenommen, als eine Gefahr für die Sicherheit und eine Quelle der Instabilität. Aber wie auch in den anderen monotheistischen Religionen hat man im Islam ethische Bedenken in Bezug auf Einkommen und die Verteilung des Reichtums. Viele moderne muslimische Koran-Exegeten sind sich einig, dass man zunächst die sozialen Umstände auf der arabischen Halbinsel im 6.Jahrhundert untersuchen sollte, um die sozio-ökonomischen Ansichten des Koran zu verstehen. Das Beduinenleben war das Hauptmerkmal der Gesellschaft, es formte das Denken und bestimmte die Lebensweise. Historiker sind sich fast einig, dass einige Merkmale das Leben, die Persönlichkeit und das wirtschaftliche Verhalten des Beduinen charakterisierten: Ausdauer, Individualität, Stammeszugehörigkeit, Gastfreundschaft, Tapferkeit und Kampflust. Der Sinn für Individualität und Loyalität dem Stamm gegenüber würden daher nahe legen, dass die Gesellschaft einen der frühen Züge des kapitalistischen Geistes trug. Individualität und Loyalität zum Stamm bestimmten die Wirtschaftsform der vorislamischen Araber. Indem das Oberhaupt den Clan repräsentierte, als Ganzes in einer Gemeinschaft, die von gemeinsamen wirtschaftlichen Ressourcen lebte, musste er die Trennungslinie ziehen zwischen dem, was man als Privatangelegenheit und dem, was man als Gemeinschaftsinteresse verstand. In diesem Sinne bezieht sich der Koran manchmal, wenn er von Reichtum spricht, auf die nomadischen Wüstenbewohner. Es ist jedoch oft unklar, ob oder in welchem Ausmaß die Hinweise auf Reichtum im Koran mit beweglichem oder unbeweglichem Besitz zu tun haben. Es gibt keinen formellen und gesetzlichen Eigentumsbegriff im Koran. Die Hinweise auf Eigentum sind weit gefasst, flexibel und beruhen auf arabischen Sitten und Bräuchen. Aber Geld wird kaum als Wertmaßstab oder Tauschmittel angesehen. Die Sprache des Koran spiegelt im Allgemeinen die monetäre Situation des Hijaz (arabische Halbinsel) im frühen 7. Jahrhundert wider. Münzen zirkulierten in kleinen Mengen aus den Nachbarländern Syrien und Iran, aber sie spielten eine sehr geringe Rolle im Handel. Klassische Lexikographen und Exegeten definieren das Wort māl (das im modernen Sprachgebrauch Geld bedeutet) im allgemeinen als „alles, was Menschen an Gold, Silber, Weizen, Brot, Vieh, Kleidung, Stoffen, Waffen oder anderen Dingen besitzen“. Kurz gesagt, „alles, was man besitzt“. Andererseits taucht das Wort Reichtum im Koran oft auf in Bezug auf weltliche Besitztümer und Eigentum. Unter bestimmten Umständen ist Reichtum zulässig und sogar erwünscht, aber insgesamt dennoch eine gefährliche Sache. Am Anfang ist Gott ghanī, was sowohl „reich“ bedeutet als auch „fähig auf etwas oder jemanden verzichten zu können“. Er braucht die Schöpfung und die Welt nicht. Die Menschen jedoch brauchen wenigstens ein Minimum an Gütern dieser Welt, die nur von Gott kommen können. Gott verbindet seinen Reichtum mit Gnade, indem er die Menschen mit dem Besitz versorgt, den sie brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. In vielen Versen im Koran taucht weltlicher Reichtum im Zusammenhang mit Kindern auf, und beide zusammen werden als eitle Verlockung oder Versuchung, die von Gott wegführt, verstanden. Gleichermaßen ist Gier eine Form von Undankbarkeit (74:11-15). Der Mensch, obwohl geschaffen für Mühsal und Kampf ums Dasein, prahlt dennoch, „Ich habe eine Fülle von Reichtum verschwendet“ (90:4-6). Die Muslime hielten ihre Religion für eine Sammlung von Prinzipien und Glaubenssätzen, die ihre Beziehung zu Gott und zur Gesellschaft regeln. Der Islam ist nicht nur Gottesdienst sondern umfasst auch einen Verhaltenskodex, sowohl für das spirituelle als auch das materielle Leben. Das muslimische Verständnis von Reichtum rührt her von dem Glauben, dass Gott der Schöpfer und Eigentümer des Reichtums ist, und dass die Menschen die Statthalter Gottes sind. Es ist eine heilige Pflicht zu arbeiten. Soziale Gerechtigkeit ist das Ergebnis von produktiver Arbeit und gleichen Chancen, so dass jeder alle seine Fähigkeiten bei der Arbeit nutzen kann und gerechte Belohnung für diese Arbeitsanstrengung erhält. Gerechtigkeit und Gleichheit bedeuten im Islam, dass die Menschen gleiche Chancen haben sollten, und es bedeutet nicht, dass sie gleich arm oder reich sein sollten. Die Grundprinzipien eines islamischen Finanzsystems enthalten unter anderem: 1) Verbot von Zinsen und Wucher, so dass die, die sich Geld borgen und die, die es verleihen, Gewinn und Verlust in gerechter Weise teilen, und dass der Vorgang der Anhäufung von Reichtum und seiner Verteilung in der Wirtschaft fair sein soll und die wahre Produktivität repräsentieren soll. 2) Geteiltes Risiko. Da Zinsen verboten sind, werden Kapitalgeber zu Geldanlegern statt zu Gläubigern. 3) Geld als „Macht“-Kapital. Der Islam anerkennt den Zeitwert des Geldes, aber nur wenn es als Kapital arbeitet und nicht als „Macht“-Kapital. 4) Verbot von spekulativem Verhalten. Der Islam ermutigt nicht zum Horten von Schätzen und verbietet Geschäfte, die durch extreme Unsicherheiten geprägt sind. 5) Die Heiligkeit von Verträgen. Der Islam hält die Einhaltung von vertraglichen Verpflichtungen und das Mitteilen von Informationen für eine heilige Pflicht. Der muslimische Gelehrte des 11. Jahrhunderts al-Ghazâlî (d. 1111) unterteilte alle wertvollen Dinge in drei Kategorien: a) Dinge, die man wegen ihres eigentlichen Wertes anstrebt, b) Dinge, die man als Mittel zum Zweck anstrebt und c) Dinge, die man für beides anstrebt. Was man als Mittel zum Zweck anstrebt, sind Gold und Silber, weil sie aus Metall sind und keinen eigenen Wert haben. Wenn Gott sie nicht zu Kaufinstrumenten gemacht hätte, wäre ihr Wert gleich dem anderer Steine gewesen. Er gab ein Beispiel: Ein Mensch hat zu essen, aber besitzt kein Kamel. Ein anderer hat ein Kamel, aber nichts zu essen. Im Austausch zwischen diesen beiden ist es deswegen notwendig, den Wert von Dingen festzulegen. Aber der Wert dieser Dinge ist nicht gleich. Deswegen gelten Silber und Gold als Richtmaß für alle Dinge, für das Festsetzen ihrer Werte und um die Dinge durch Gold und Silber als Zahlungsmittel zu erhalten. Er vergleicht die beiden Metalle mit einem Spiegel, der keinen eigenen Wert hat, aber seinen Wert daher bekommt, dass er Bilder reflektieren kann. Da die Metalle ein Mittel zum Austausch sind, ist es im Islam nicht erlaubt, sie zu horten, weil man dann den Zweck unterdrückt, für den Gott sie geschaffen hat. Ein anderer Gelehrter des 11. Jahrhunderts, Ibn Mufdal al-Râghib al-Asfhânî (d. 1108), teilte menschliche Bedürfnisse in folgende Hauptkategorien ein: körperliche und geistige. Zur ersten gehört Essen, Kleidung, Obdach und Ehe. Diese Bedürfnisse müssen entsprechend dem islamischen gesetzlichen Rahmen und gemäß Gottes Gesetzen erfüllt werden. Gehorsamkeit nach den Regeln Gottes, indem man die religiösen Pflichten erfüllt und Gott anbetet, so al-Asfhânî, wird ihren direkten Einfluss auf die zweite Art von Bedürfnissen haben. Und zu diesen nicht körperlichen Bedürfnissen gehört das Bedürfnis Wissen zu erlangen, sei es weltlich oder religiös. Diese Einteilung von menschlichen Bedürfnissen hätte verschiedene Folgerungen bei der Bestimmung der Rolle des Einzelnen, der Gemeinschaft, von religiösen Gruppen und vor allem der Rolle des Staates bezüglich der Befriedigung dieser Bedürfnisse. Wie man berichtet hat Al-Shaybânî, ein Gelehrter des 13. Jahrhunderts, gesagt: „Geld zu verdienen ist eine Pflicht für jeden Moslem, genauso wie das Streben nach Wissen eine Pflicht ist.“ Laut Al-Shaybânî trieben die Propheten einschließlich Jesus und Mohammed Handel, wie auch andere große Gestalten der islamischen Vergangenheit. Seiner Ansicht nach liegt keine Belohnung im Reichtum selber, man muss nur dankbar dafür sein. Zum Beispiel: Ein reicher Mann streitet mit einem armen Mann. Er sagt, Gott borgt vom Reichen, aber der Arme ist der Überzeugung, dass Gott nur von den Reichen borgt um der Armen Willen: „Und man kann jemanden, den man liebt, um ein Darlehen bitten oder jemanden, den man nicht liebt. Aber man bittet nur für jemanden um ein Darlehen, den man liebt.“ Die Reichen brauchen die Armen, wohingegen die Armen die Reichen nicht benötigen, auch wenn es den gegensätzlichen Anschein hat. Die Armen könnten sich alle darauf einigen, nichts zu nehmen, und wenn sie das täten, würden sie dafür nur Lob empfangen. Aber die Reichen, die die Pflicht des Almosengebens erfüllen müssen, wären dann in einer traurigen Lage. Vor dem Hintergrund der Literatur ihrer Vorfahren haben zeitgenössische muslimische Denker angefangen, eine „islamische Wirtschaftslehre“ zu entwickeln, die seit den späten 1940ern und besonders seit den Mittsechzigern bekannt geworden sind, als Vorlage für ein ökonomisches System, das mit den Originalquellen des Islam übereinstimmt. Die selbsternannten islamischen Volkswirtschaftler gehen sehr weit, wie auch andere Sozialwissenschaftler, um ihre Ansichten mit Logik, wissenschaftlichen Theorien und empirischen Beweisen aus der islamischen Geschichte zu untermauern. Das Grundprinzip, das ihre Philosophie beherrscht, ist die Einheit Gottes, seines Universums, und seines Volkes. Die erste internationale Konferenz für islamische Wirtschaftslehre wurde 1976 in Mekka abgehalten. Die auffallendsten Merkmale des Systems sind: die Bedeutung des zakat, einer Pflichtabgabe an die Armen, die als Grundlage der islamischen Finanzpolitik gilt, islamische Normen und das Verbot von Zinsen, was als Dreh- und Angelpunkt der islamischen Geldpolitik angesehen wird.12 Die meisten zeitgenössischen Schriften der „islamischen Volkswirtschaftler“ sind von Wirtschaftsfeindlichkeit weit entfernt. Das Recht auf Privateigentum wird geachtet, was eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass das Schariahrecht auf Erbschaften angewendet werden kann. Und die meisten islamischen Ökonomen betrachten Märkte als normales Mittel um Geschäfte zu machen. 13 Der moderne schiitische Gelehrte und Politaktivist Mohammed Baqir Al-Sadr (1980 hingerichtet) definierte die islamische Wirtschaftslehre als „die Art wie der Islam gerne sein Wirtschaftsleben gestaltet und wie er seine praktischen Wirtschaftsprobleme in Übereinstimmung mit seiner Rechtsauffassung löst.“ 14 Im islamischen Verständnis von Reichtum sah er eine ethische Synthese aus traditionellen islamischen Texten. Materieller Reichtum und seine Vermehrung werden als hilfreich geschildert, um in der Zukunft Fortschritt zu erreichen. Die Vermehrung von Reichtum ist eine wichtige Sache, aber sie ist ein Hilfsmittel, nicht das Ziel. Reichtum ist nicht die Hauptsache, die der Himmel den Menschen auf der Erde gegeben hat, aber er gibt Muslimen die Möglichkeit, ihre Rolle im Leben zu erfüllen. Es ist nichts Gutes an einem Menschen, der sich nicht um die Vermehrung von Reichtum bemüht. Wir haben kurz einige Beispiele von islamischen Ansichten über Geld und Reichtum gesehen. Wir kommen zum Schluss wieder zu dem am Anfang erwähnten, nämlich der zunehmenden Tendenz in der politischen und öffentlichen Auseinandersetzung, den islamischen „Fundamentalismus“ als eine Bedrohung für die Weltordnung auszulegen, und deshalb alles was muslimisch ist zu dämonisieren. Aus dem Grund ist es wichtig, die grundlegenden Prinzipien von ihren oft verzerrten Deutungen zu befreien, und ebenso wichtig ist es, Tatsachen und Vorurteile auseinander zuhalten. Die islamischen Vorstellungen von Ökonomie sind komplexer und aufgeklärter, als man auf den ersten Blick denken würde. Man sollte sie ernsthafter im Zusammenhang mit dem Islam als Ideengeschichte studieren. Wenn die islamische Wirtschaftslehre in dem Sinne von Nutzen ist, wie wir es diskutiert haben, was lief dann falsch in den muslimischen Gesellschaften? Es fällt schwer irgendeine Formulierung von Wirtschaftsethik festzustellen, die für die gesamte muslimische Welt gilt, in ihrer ethnischen Verschiedenheit und mit Ländern auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Ich neige aber dazu, dem neo-modernistischen muslimischen Denker Fazul al-Rahman aus Pakistan zuzustimmen, der es für eine intellektuelle Pflicht hält, die moralischen Gebote des Islam mit den wirtschaftlichen Problemen der Gesellschaft in Beziehung zu setzen. Dabei muß man berücksichtigen, so Rahman, dass die muslimische Gesellschaft auf der Grundlage des „minimalen Islam“ (dieser beschränkt sich auf Rituale und Symbole, ohne sich mit den sozialen Problemen zu beschäftigen) Jahrhunderte lang funktioniert hat und immer noch funktioniert, und sich grundlegend vom so genannten fundamentalistischen „negativen Islam“ unterscheidet.

// September 2007
 
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