Home // Article list // Gehad Mazarweh I Frieden durch gegenseitigen Respekt.
 

Gehad Mazarweh I Frieden durch gegenseitigen Respekt.

 
 

Während meiner Arbeit mit Folteropfern wurde ich immer wieder mit Erkenntnissen konfrontiert, die ich nicht für möglich gehalten habe. Diese Erfahrungen sind für mich eine große Bereicherung, obwohl ich gerne auf das eine oder andere verzichtet hätte. Man wundert sich darüber, wozu Menschen fähig sind. Gewalt und Zerstörung gehören gesellschaftlich und politisch zu unserem Alltag, trotzdem müssen wir alles, was uns möglich ist tun, um wenigstens lindernd einzugreifen.

Zu den Ursachen der Gewalt gehört die Unfähigkeit, das andere zu akzeptieren. Andere Rassen, andere Religionen oder die Zugehörigkeit zu einer anderen Kultur. Aus Andersdenkenden können schnell Feindbilder gemacht werden, die dann bekämpft und verfolgt werden, häufig mit brutalen Methoden, wie psychische und physische Folter. „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in dieser Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wieder gewonnen. Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde bleibt als gestauter Schrecken im gefolterten liegen; darüber blickt keiner hinaus in einer Welt in der das Prinzip Hoffnung herrscht“ J. Amery, „Jenseits von Schuld und Sühne“ Dies Thema und sein Einfluss auf das Leben des Einzelnen gehört zu den erstaunlichen Erfahrungen, die ich mit Folteropfern gemacht habe. Viele Patienten greifen, um überleben zu können, auf internalisierte Objekte zurück, auf Identifikationen, die die Grundlage der eigenen Identität sind. Dazu gehört die Rückbesinnung auf alles, was in der Not hilft und in der Not helfen kann. Die wichtigste Instanz, und das geschieht durch Regression auf eine kindliche Ebene, ist Gott. Er ist mächtig, mächtiger als der Folterer. Der Gefolterte wendet sich Gott zu in der Hoffnung, durch ihn gerettet zu werden. Ein Teil dieser Patienten und Patientinnen lebte jahrelang mit der Vorstellung, sie seien Atheisten. Ihr Atheismus hatte mit Lebensenttäuschungen zu tun, mit Enttäuschungen, die aber durch negative Erfahrungen mit Mitmenschen zu tun haben, aber sie glaubten von Gott im Stich gelassen worden zu sein. Der Mensch braucht Vorbilder, die ihn in seinem Bestreben nach Orientierung leiten sollen, besonders in Situationen, in denen er sich hilflos fühlt. Diese Menschen, von denen er sich Hilfe und Schutz erwartet, sind in seiner Vorstellung stark und mächtig. Die Erfahrung, dass diese auch fehlbar und unvollkommen sind, anders als er sie haben will, ändert an seiner Sehnsucht nach Solchen (Allmächtigen) aber nichts.

Der Verzicht auf den Glauben aus ideologischen Gründen macht den Menschen nicht freier. Die neue bzw. erworbene Orientierung (Atheismus) ist auch mit Repression und Einschränkung verbunden. Für alle Religionen (zumindest die monotheistischen) ist Gott allmächtig und unfehlbar. Hinzu kommt, dass er für die Menschen im Diesseits nicht zu sehen ist. Die jüdische, christliche oder islamische Erziehung formt die Persönlichkeit des Individuums, d. h. die verinnerlichten moralischen und ethischen Elemente einer Religion kann man nur schwer aufgeben. Man kann sie verdrängen, aber sie sind unter bestimmten Umständen reaktivierbar, z. B. in Notsituationen etc. Husak, der Generalsekretär der kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei, bezeichnete sich sein Leben lang als Atheist. Kurz vor seinem Tod bat er jedoch seine Schwester darum, ihm einen Priester zu bringen, damit er ihm die Absolution erteilen soll. Die Konflikte zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen haben mit den Religionen als solche wenig zu tun. Die Religionen wurden häufig für politische Zwecke missbraucht. Ich denke, dass ein gläubiger Mensch, der seinen Glauben ernst nimmt, keinen anderen Gläubigen diskriminiert oder entwertet.

Die Gemeinsamkeiten

Zu den wichtigsten Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen, Christen und Juden gehört, dass sie alle an Gott glauben. Alle drei haben den Anspruch an sich selbst, monotheistisch zu sein und praktizieren (zwar verschiedene) Gebete als Gottesdienstliche Handlungen. Die Angehörigen der Religionen glauben an eine Rechenschaft vor Gott, beziehungsweise den jüngsten Tag. Ihre Informationen über ihre Religion beziehen sie aus offenbarten Schriften, auf die sie sich berufen und alle drei Religionen glauben daran, dass Propheten zu den Menschen gesandt worden sind. Es handelt sich bei allen drei Religionen um so genannte Himmelsreligionen, der Glaube, dass der Ursprung der Offenbarung bei Gott, im Himmel liegt, ist den drei Religionen gemeinsam. Alle drei Religionen haben eine gemeinsame Abstammung von Abraham bzw. Ibrahim. Auch der Glaube an andere Propheten gehört zu den Gemeinsamkeiten. Die Betonung der Gemeinsamkeiten der drei Religionen soll nicht in Gleichmacherei enden. Die unterschiede die, besonders im Glauben an den Monotheismus offensichtlich sind, sollen nicht unerwähnt bleiben, gerade da diese Unterschiede für die Angehörigen der Religionen ja auch von großer Bedeutung sind. So wird im Islam jedes Gebet einzig an Gott gerichtet. An Vermittler oder an andere Instanzen gerichtete Gebete, wie sie im Christentum üblich sind, werden im Islam als nicht-monotheistisch abgelehnt. Auch wird im Islam der Gedanke abgelehnt, dass Jesus der Sohn Gottes sei, der Islam beschreibt Gott als: „nicht geboren und nicht gebärend“. Jesus ist nach islamischem Glauben ein hochgeachteter und wichtiger Prophet, an den aber keine Gebete gerichtet werden, wie übrigens auch nicht an Muhammad. Ob es an den Gemeinsamkeiten liegt oder an geschichtlichen Umständen, immer wieder gab es auch Phasen in der Geschichte in denen die Anhänger aller drei genannten Religionen friedlich nebeneinander leben konnten. Daher beschäftigt mich die Frage zunehmend: Warum hat sich das Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu den Muslimen so verändert? Ich möchte mit einem Überblick, einem kurzen Portrait, darüber beginnen was den Islam zentral ausmacht. Der Islam steht auf fünf Säulen:

1. Das Glaubensbekenntnis (die Shahada), der Muslim bezeugt, dass es keinen wahren Gott außer Allah gibt und, dass Mohammad sein letzter Prophet ist. 2. Das Gebet, hiermit ist das rituelle Gebet gemeint, welches der Muslim fünfmal innerhalb eines Tages und einer Nacht verrichtet. 3. Das Fasten im Monat Ramadan. Der Muslim fastet einen Monat im Mondjahr, dieser Monat heißt Ramadan.4. Das Zahlen der Zakah, der sogenannten Almosensteuer. Innerhalb von einem Jahr muss der Muslim einen bestimmten Anteil seines Besitzes (z. B. größere Summen Geldes oder Goldes) als Spende abgeben. 5. Das Pilgern zur heiligsten Stätte der Muslime (Hajj) der Ka’ba in Mekka für denjenigen, der dazu imstande ist. Diese Säulen, bilden die Basis der Religion des Islam, alle weiteren Glaubensgrundsätze und Pflichten lassen sich nur verstehen, und leben, wenn diese Basis verstanden und gelebt wird. Feindbild Islam Die aktuellste Form der Feindbildschaffung erleben wir zur Zeit in der westlichen Welt: Als äußerst virulentes, in allen Farben leuchtendes Feindbild wird der Islam heute präsentiert. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine neue Kreation, vielmehr hat man diesen alten Hut aus der Kiste gezaubert, nachdem der Kommunismus durch den Zerfall der Sowjetunion als Feindbild nicht mehr zu gebrauchen war. Dies bedeutete einen tiefen Einschnitt in die Selbstlegitimation des Westens. Fehlt die Antithese, droht ein Defizit in der Beschreibung des „Wir“. Das globale „Gleichgewicht der Kräfte“ musste wiederhergestellt werden, der Islam bot sich als neue Projektionsfläche an. Seit der Zeit der Kreuzzüge existiert in Europa ein Bild über den unheimlichen, aggressiven und für das Christentum und die gesamte westliche Welt bedrohlichen Islam. Die Ursachen der Kreuzzüge und ihre Wirkung waren und bleiben bis heute ausgeblendet. Die Nachwirkungen des engen kulturellen Kontakts zwischen der arabisch-islamischen und der europäisch-christlichen Kultur während der Herrschaft der Mauren in Andalusien, das friedliche Zusammenleben der Muslime und Christen in Italien, die Befruchtung der europäischen Kunst, Kultur, Philosophie und Naturwissenschaften durch die arabischen Gelehrten sind zum Teil bei Goethe nachzulesen, aber aus den Geschichtsbüchern und dem Bewusstsein fast völlig verschwunden.

1993 erscheint ein Aufsatz von einem amerikanischen Gelehrten, Samuel Huntington, in der Zeitschrift Foreign Affairs mit dem Titel „Clash of Civilisation?“ Der Zeitpunkt für eine derartige Kategorisierung und ansatzweise Begünstigung eines neuen Weltbildes (Orient versus Okzident) schien günstig. Der erste Golfkrieg hatte die Personifizierung des neuen hässlichen Bösen in Gestalt von Saddam Hussein ermöglicht. Huntington hält die Unterschiede zwischen den Kulturen für fundamental. Er meint, sie müssten nicht notwendigerweise zu Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen führen, aber über die Jahrhunderte hinweg wären die kulturellen Differenzen der häufigste Grund für kriegerische Zusammenstöße gewesen. Kriege und Konflikte zwischen Völkern und Kulturen sind historisch unbestreitbar, kritisch zu hinterfragen sind allerdings die Gründe dafür. Die lange Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist eins von vielen Beispielen für eine deutliche Interessenkollision und nicht für einen kulturell bedingten Krieg. Unter diesen Aspekten sind die Kriege, die von der westlichen Welt geführt worden sind, neu zu betrachten: Welche Rolle spielen kolonialistisches, expansionistisches und imperialistisches Gedankengut? Wo wurden unter dem Deckmantel von Verteidigung und Verbreitung der Kultur mit beispielloser Gewalt durch Entwertung und Entmenschlichung andere Kulturen zerstört? Wie wird heute gegenüber den islamischen Ländern und der islamischen Kultur eine Wertung vorgenommen im Sinne von Huntingtons guter Kultur – schlechter Kultur? Huntingtons Behauptung ist, der Islam an sich produziere eine Atmosphäre von Gewalt, also: wo der Islam herrsche, entstünden Konflikte, „Islam has bloody borders.“ (Huntington S.35) In dieser Meinung wird Huntington von einigen anderen, vorwiegend amerikanischen Autoren, bestätigt. Einer der bekanntesten ist Bernhard Lewis, der dem Islam z. B. „Irrationalität und Aggressivität“ bescheinigt. Werner Ruf, ein bekannter deutscher Politologe, dagegen veranlassen diese Bewertungen zu der kritischen Annahme, dass es darum ginge, „die Unterschiede nicht nur als fundamental, sonders als geradezu schicksalhaft und ewig darzustellen.“ Weiterhin meint er: „ Sie werden nicht, wie noch bis ins 20. Jahrhundert rassistisch-biologisch determiniert sondern kulturell.“ Dem Westen bescheinigt Huntington „unique not universal“ (Huntington S.30-33) zu sein. Die westliche Kultur, geprägt vom Christentum, von Rechtstaatlichkeit, sprachlicher Vielfalt, sozialem Pluralismus und Individualismus sei einzigartig und daher wertvoll. (Ebd. S. 30 – 33) Huntingtons These der neuen Weltaufteilung, ehemals: West gegen Ost = Kommunismus, jetzt: der Westen gegen den Islam, ist gefährlich und öffnet Rassisten und anderen Kriegstreibern Tür und Tor. Er vermittelt seinen Lesern, gerade in der westlichen Welt, ein vereinfachtes Bild vom Islam und macht aus der Vielfalt der Kulturen in den islamischen Ländern ein politisch passendes Konstrukt: Persien, Marokko, Ägypten, Syrien, die Türkei, den Jemen, die afrikanisch-islamischen Länder, alles wirft er in einen Topf. Wenn man den Zeitpunkt und die Art und Weise seiner Veröffentlichungen betrachtet, könnte man geneigt sein, in der bewußten Vereinfachung und Herstellung von Uniformität eine Absicht Huntingtons auszumachen. Schließlich leitet er aus der Großartigkeit und Einzigartigkeit der westlichen Werte die Unfähigkeit anderer Kulturen ab, ähnliche Werte zu entwickeln oder diese zu übernehmen. Die Vorstellung der Reinheit der Kultur ersetzt letztlich die Vorstellung von der Reinheit der Rasse. (vgl. Ruf) Diese Meinung, die als neue Erkenntnis dargestellt wird, hat sich wie ein Lauffeuer in der gesamten westlichen Welt verbreitet. Viele Wissenschaftler und Pseudowissenschaftler haben seine Thesen übernommen, die Medien überboten sich mit „Islamexperten“ und immer neuen angeblichen Belegen für die Aggressivität und Grausamkeiten innerhalb der islamischen Welt. Das Miteinander oder zumindest das friedliche Nebeneinander der Kulturen z.B. in deutschen Städten wurde dadurch stark beeinflusst. Vieles, was jahrelang als nicht störend galt, wurde plötzlich zum Problem, so z. B. das Kopftuchtragen bei muslimischen Frauen. An die Stelle von stillschweigender Akzeptanz traten Misstrauen, Angst und Gewalt. Die latente Angst, durch Unwissenheit und Desinformation genährt, wurde wiederbelebt. Mit der Verschlechterung der ökonomischen Verhältnisse, den steigenden Arbeitslosenzahlen und der daraus entstandenen verschärften Konkurrenzsituation ist das Leben für Fremde in Deutschland und ganz Europa schwieriger geworden. Ein neues Feindbild ermöglicht, den bisher tolerierten Fremden zum bedrohlichen Konkurrenten zu machen. Alle Probleme und Defizite werden diesen nun zugeschrieben: Sie sind schuld an der Arbeitslosigkeit, an der wachsenden Kriminalität, an der Wohnungsnot, an allen ökonomischen Schwierigkeiten. Ihre Entwertung auf der kulturellen Ebene erleichtert es sie im Ganzen als minderwertig zu betrachten, und man kann sie dementsprechend ohne Schuldgefühle bekämpfen. Der freundliche Nachbar von gestern wird zu einem Klischee degradiert. Die Dialektik des „Wir“ und der „Anderen“, der Aufbau des „Grandiosen Selbst“, wie von Vamik Volkan beschrieben, und die Entstehung einer kollektiven Identität kommen hier zu ihrer vollen Wirkung. Das Feindbild Islam ist ein Beispiel dafür, dass das Bild auswechselbar ist, mal stehen auf dem Bild die Juden, die Schwarzen oder die Muslime, mal handelt es sich um Religion, Rasse oder Kultur. Das Feindbild erfüllt als Objekt die Funktion für das Subjekt, also für den Betrachter. An einer differenzierten Betrachtung besteht kein Interesse, im Gegenteil, sie könnte stören. So werden z. B. Begriffe verwendet, verwechselt oder bewusst vertauscht, die das Islambild verschwommen erscheinen lassen und Unterscheidungen unmöglich machen: Muslime und Islamisten, Fundamentalisten und Attentäter. In Deutschland wird übersehen, dass der Islam dort etwas Spezifisches beinhaltet, etwas, was mit der deutschen Gesellschaft verbunden ist und was auch als Brücke zwischen Orient und Okzident, zwischen Christen und Muslimen verstanden werden könnte.

Es ist nicht nur bedauerlich sondern höchst destruktiv, wenn Menschen muslimischen Glaubens, die in Deutschland leben, als Islamisten bezeichnet werden und dieser Begriff gleichzeitig für Bin Laden und seine Leute benutzt wird. Wenn eine ideelle Verbindung zu islamischen Terrororganisationen hergestellt wird, bedeutet dies eine Bedrohung und Gefährdung aller in Deutschland und Europa lebenden Muslime und schafft ein Klima von höchstem Misstrauen und Angst. Eine kollektive Paranoia breitet sich aus, der Verfolger fungiert als Vorbild für den Verfolgten, er schlägt mit den gleichen Mechanismen und Mitteln zurück. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem beide Seiten nicht entweichen können. Eine derartige Eskalation verstärkt bei den Muslimen die Hinwendung zur Religion und den Rückzug in die ursprüngliche Gruppe, da es keine anderen Mächtigen gibt die sie schützen, wenden sie sich zu Gott. Das Minderheitenkollektiv gibt ihnen Sicherheit, vermittelt aber durch das geballte Auftreten nach außen eine scheinbare oder offensichtliche Aggressivität. Die Ausgrenzung ist für die Betroffenen einerseits eine tiefe Verletzung ihres Selbstwertgefühls, gibt ihnen aber andererseits die Möglichkeit für ein stärkeres Selbstbewusstsein. Es ist auch etwas Großartiges, einer verfolgten Gemeinschaft anzugehören, die von der Mehrheit der Gesellschaft gefürchtet wird. Das erinnert an die Parole der Schwarzen in Amerika „Black is beautiful“. Hier heißt es dann: Es ist gut Moslem zu sein, und das zeigen wir auch. Z.B. ist das daran zu sehen, dass sich eine Vielzahl von jungen muslimischen Frauen für das Kopftuch und „islamische“ Kleidung entschieden haben.



// Octocer 2008
 
 
 
Design by: VAZA   Code by: Elad Ziv Copyrights © Artneuland. All rights reserved 2006.